gedichte des monats, 2004
Januar: Neujahrsdrama
Februar: Der Hauptdarsteller
März: Der Regentropfen
April: Satanische Ferse
Mai: Der Grashalm
Juni: Der Regenwurm
Juli: Der Socken
August: Reiseführer
September: Nach oben offen
Oktober: Oskar
November: Letzte Person
Dezember: Oskar in der Kirche

Neujahrsdrama (Januar 2004)
Ehemann: „Ich habe einen Vorsatz.”
Ehefrau: „Das ist doch nur ein Satz.”
Ehemann: „Jetzt schimpf nicht wie ein Rohrspatz,
 sonst ist er für die Katz!”
Ehefrau: „Ein Vorsatz, nicht zu fassen,
 Du bist doch fast perfekt.”
Ehemann: „Ich will vom Trinken lassen.”
Ehefrau: „Dann gib mir Deinen Sekt!”
Der Hauptdarsteller (Februar 2004)
Seit längerem stand er schon mitten im Leben
und standen auch andere direkt daneben,
so war es doch irgendwie vollkommen klar,
dass er etwas wirklich besonderes war.

Er brachte sie alle zum Lachen und Weinen,
sowohl die Erwachsenen wie auch die Kleinen.
Und sollte er mal zu gegebener Zeit
bescheiden sein, schweigen, dann blieb er bereit.

Sein Ende war tragisch, zuerst nur ein Flimmern,
- die anderen merkten es, wollten sich kümmern -
der Schlag kam kurz später, dann war alles aus.
Am nächsten Tag trug man den Fernseher raus.
Der Regentropfen (März 2004)
Er kam wohl aus der Oberschicht,
sonst hätte er sich nicht geziert
bei der Erfüllung seiner Pflicht
und wäre einfach kondensiert.

Auf Druck von oben ging es doch,
er wurde flüssig, ziemlich schwer.
„Ich will nicht!” dachte er sich noch,
dann gab's für ihn kein Halten mehr.

Er wußte nicht, wie ihm geschah,
als er aus allen Wolken fiel.
Die Erde, die er unten sah,
war seiner kurzen Reise Ziel.

Das Wetter fand er schauderhaft,
ein regelrechter Wirbelsturm,
doch bald schon hatte er's geschafft,
die Landebahn: ein Regenwurm.

Von dort ging es in einen Fluss,
da war es eng und nass und kalt,
und deshalb traf er den Entschluss
„Ich ändre wieder die Gestalt!”

Nach oben schwimmen, das war schwer,
doch dafür lohnte sich die Qual,
denn nur kurz später wurde er
gepackt von einem Sonnenstrahl.

Verdunstet stieg er schnell empor
mit einem Lächeln im Gesicht.
Und dann war alles wie zuvor:
er wurde Teil der Oberschicht.
Satanische Ferse (April 2004)
Dieser Fuß tut höllisch weh,
aber nicht der große Zeh,
weiter hinten drückt der Schuh
und das lässt mir keine Ruh.

Ist das Fersmaß nicht normal
stürzt man in ein Jammertal.
Ende ich wie einst Achill?
Gott bewahre, so er will.

Tod und Teufel, Stein und Bein,
nichts kann mir mehr heilig sein.
Steter Schmerz bei jedem Schritt
nimmt noch jeden von uns mit.

Manchmal denk ich: „Irgendwann
schaffst du dir Sandalen an.”
Schließlich ist, in all den Jahrn,
Jesus damit gut gefahrn.
Der Grashalm (Mai 2004)
Um Geschichten zu erzählen,
muss man manchmal Orte wählen,
wie zum Beispiel ebendiese
reichlich unbekannte Wiese
irgendwo auf dieser Welt,
denn auf ihr lebt unser Held.

Er, ein Grashalm voll im Safte,
der es schon als Junger schaffte,
sich beachtlich zu erheben
über andres Kraut daneben,
war zum ersten Mal verliebt,
wie es das nur selten gibt.

Grün noch hinter beiden Ohren,
hatte er sein Herz verloren
an ein wunderbares, kleines
Gänseblümchen dessen reines
weißes Kleid im sehr gefiel.
„Diese Blumenfrau hat Stil!”

So von Amor angeschossen,
hatte unser Halm beschlossen
seinem Schwarm zu imponieren,
kreativ sie zu verführen.
Und im Herzen Sturm und Drang
übte er den Minnesang.

Doch sein Streben war vergebens,
denn die Liebe seines Lebens
wurde ziemlich unverfroren,
wie er selbst ganz kurz geschoren.

Beide denken nun daran:
Manchmal kommt der Sensenmann!
Der Regenwurm (Juni 2004)
Als wegen Sturm
der Regenwurm
aus seinem Loch
im Erdreich kroch,
da nahm ein Mann
sich seiner an,
der Haken war
das Ende. Klar!
Der Socken (Juli 2004)
Der Halbschuh und der Käsefuß,
die konnten sich nicht leiden.
Der Socken, dieser arme Kerl,
rieb täglich sich an beiden.

Und stank es, war'n sich weder Schuh
noch Fuß der Schuld bewusst.
Dem Socken schob man's in die Schuh'
und der schob tierisch Frust.

Doch eines schlimmen Tages
ward der Socken mal vergessen.
Da bildeten sich Blasen
auf dem blanken Fuß stattdessen.

Drauf sprach der Fuß: „Ich gebe zu,
ich produzier die Gase.
Fürs Riechen jedoch kann ich nichts,
da trägt die Schuld die Nase!”
Reiseführer (August 2004)
Seite an Seite
stehn sie im Regal.
Handeln von Weite,
sind selber oft schmal.

Bilder und Worte
zusammengestellt
über die Orte
und Länder der Welt.

Geht es auf Reisen
sind sie dafür da,
Wege zu weisen,
das liegt ja auch nah.

Endet dies Glück
haben sie keine Wahl,
sie gehn zurück
in das Bücherregal.
Nach oben offen (September 2004)
Ich sitze, nein ich stehe,
sinniere vor mich hin
und hoffe, wenn ich gehe,
dass ich dann fertig bin.

Das Blut in meinen Waden
kommt mühsam nur voran.
Von O mal zwei entladen
fließt es nun steil bergan.

Mein Nachbar zieht schon Leine,
mir droht die Einsamkeit.
Erdrückend so alleine,
ich bin noch nicht so weit.

Ich stütz mich auf die Hände
und gebe nochmal Gas.
Dann mach ich ihm ein Ende,
dem zweifelhaften Spaß.
Oskar (Oktober 2004)
Um mich Ihnen vorzustellen
werde ich heut erstmals bellen:
ich bin Oskar und ein Hund
ohne Blatt vor seinem Mund.

Was ich außerdem erwähne,
ich hab keine großen Zähne.
Beißend kann ich trotzdem sein,
pinkle gerne an ein Bein.

Doch in meinem Hundeleben
will ich nicht nur Beinchen heben,
einen Haufen gibt's zu tun.
Keine Zeit um auszuruhn.

Jetzt jedoch muss ich schon gehen,
denn mein Herrchen bleibt nicht stehen.
Find ich mal was int'ressant,
wird die Leine straff gespannt.
Letzte Person (November 2004)
Es hat Essen
Sie hat Siemens
Er hat Erbsen
Du hast Durst

sie kann siegen
er kann ernten
du kannst duften
ich kann nichts
Oskar in der Kirche (Dezember 2004)
Als mir einer meiner Freunde
einen Kirchengang empfahl,
sagte ich: „Zur Hundsgemeinde
geh ich morgen Abend mal.”

Doch der Herr, zumindest meiner,
ließ mich nicht alleine gehn.
„Oskar, komm mit mir mein Kleiner!
Du sollst Menschen beten sehn!”

„Sonntags vor dem Hundekuchen?”,
dachte ich, „Das geht wohl schlecht!
Eure Kirchen zu besuchen
ist ja nur ein Menschenrecht.”

Trotzdem gingen wir zur Messe,
heimlich schlich ich mich hinein.
Dafür brauchte ich Finesse,
der Afghane kam nicht rein.

Drinnen galt es Gott zu dienen
und am Anfang war das Wort.
Leute, die mir heilig schienen,
redeten in einem fort.

Später wurde auch gesungen,
alles liturgie-genau
und als die Musik verklungen
sagte ich ganz leise „Wau!”.

Trotz des Weihrauchs, die Gesichter
waren mürrisch, nur das Gold
glänzte leicht im Schein der Lichter
und die Engel blickten hold.

Leider kam dann doch der Küster
und er schickte mich hinaus.
Selbst wenn ich als Hund nur flüster,
hat man Angst ich trete aus.
© Axel Horndasch