gedichte des monats, 2005
Januar: Welt der Lyrik
Februar: Das Haar
März: Die Andern
April: Der dicke Astronaut
Mai: Die Familienfeier
Juni: Dreidimensional
Juli: der Schrö
August: Dreisilbig
September: Bundesweit wählbar
Oktober: Wahl-Gstanzl
November: Transatlantische Beziehung vokalisiert
Dezember: Neues von Oskar

Welt der Lyrik (Januar 2005)
Oh Sehnsucht,
Du bist wie ein Tier,
das mich zermalmt
und hinterher
'ne Zigarette qualmt.

Oh Unendlichkeit,
Du raubst mir den Verstand,
weil ich bei Dir
noch nicht einmal
den Anfang fand.

Oh Herzeleid,
wie Du mir gehst
durch Mark und Bein
und später wirst
Du wohl Arthrose sein.

Und Du, oh Po-esie,
drückst alles aus,
doch leider reimst
Du hinten Dich
oft nimmermehr.
Das Haar (Februar 2005)
Es war einmal ein Haar,
das fühlte sich beschissen
und eines Tages war
es einfach ausgerissen.

Nun wünschte es sich sehr
zurück zur Dauerwelle,
doch von ihm blieb nicht mehr
als eine kahle Stelle.

Es merkte, es war klein
so zwischen allen Stühlen
und blieb fortan allein
mit seinen Schamgefühlen.
Die Andern (März 2005)
Ich wär so gern einer von denen die singen,
sie schweben mit Leichtigkeit über den Dingen
und nehmen die Welt von dort oben im Sturm.
Doch ich bin nicht mehr als ein mickriger Wurm.
Der dicke Astronaut (April 2005)
Ich kenne einen Astronaut,
der immer Fingernägel kaut.
Auch sonst kaut er ganz gerne was:
zu essen macht ihm großen Spaß.

Besonders süße Leckerein
verleibt er sich sehr häufig ein.
Der Bauch ist folglich riesengroß,
er selbst nicht grade schwerelos.

Sein Chef hat deshalb jetzt genug,
er darf nicht mit beim nächsten Flug
ins All, der dicke Astronaut,
so dass er noch mehr Nägel kaut.

Gut würd' dem armen Schlucker nun
ein Orbit ohne Zucker tun.
Die Familienfeier (Mai 2005)
Alle Gäste, die da sitzen,
lauschen leicht genervt und schwitzen.
Es gibt schließlich viel zu hören
und man will ja auch nicht stören.
Doch um irgendwas zu sehen
muss man seinen Hals verdrehen.
Das raubt einem den Verstand
in dem engen Festgewand.

Der recht gut gefüllte Magen
ist nur schwerlich zu ertragen
und die aufgeknöpfte Hose
ist denn doch etwas zu lose.
Auch der Schlips fängt an zu drücken,
nutzlos ihn zurecht zu rücken.
Das hat man schon hundert Mal,
er bleibt trotzdem eine Qual.

Doch man lächelt tapfer weiter,
wird der Mund dabei auch breiter.
Man versucht die Uhr zu meiden,
die verlängert nur die Leiden.
Wie die Nachbarn das nur machen,
immer können sie noch lachen.
Nur dem Kleinkind geht's zu weit.
Man versteht schon, dass es schreit.

Jetzt will auch noch einer wagen
hier Gedichte vorzutragen.
Sich hier Verse anzumaßen,
damit ist nun nicht zu spaßen.
Kann man keine Ruhe haben
und sich an Getränken laben?
Doch natürlich: hoch das Glas!
Oder sagt noch jemand was?
Dreidimensional (Juni 2005)
Von links nach rechts ist es weit,
von rechts nach links braucht man Zeit.
Nur ganz wenig Schritte
braucht man in der Mitte.
Von links nach rechts ist es weit.

Ganz oben ist man allein
und unten will keiner sein.
Dazwischen geht's munter
hinauf und hinunter.
Ganz oben ist man allein.

Wir schauen am besten nach vorn,
nach hinten nur noch im Zorn.
Damit sind wir fertig
und allgegenwärtig
ist unser Schauen nach vorn.
der Schrö (Juli 2005)
Schwierig ist sie, meine Lage,
wenn ich heut vertraulich frage:
"Glaubt Ihr weiterhin an mich
oder lasst Ihr mich im Stich?"

Dabei gilt es aufzupassen,
denn um mich im Stich zu lassen
müsstet Ihr mir schon vertraun
(und die Neuwahl mir versaun).

Meine Hoffnung ruht auf denen,
die sich nach Verändrung sehnen.
Übt Euch in Enthaltsamkeit,
bald kommt eine bessre Zeit!

Die Verfassung, die ich schinde,
und in der ich mich befinde,
könnte gar nicht besser sein.
Das sieht auch der Wähler ein.

Jetzt zum Schluss bin ich nicht träge,
sondern es gibt Paukenschläge.
Tore rüttelnd ruf ich aus:
Lieber Horst, ich will hier raus!
Dreisilbig (August 2005)
Bin schon wach,
lieg noch flach.
Kopf ist leer,
trotzdem schwer.

Blase drängt,
eingezwängt.
Keine Lust
Aufstehfrust.

Viel zu schnell
wird es hell,
Kopf nun voll
auch nicht toll.

Senkrecht stehn
wird schon gehn,
mit viel Kraft
knapp geschafft.

Langer Tag
ob ich mag
oder nicht
(kein Gedicht).
Bundesweit wählbar (September 2005)
Wachstum Wachstum Wachstum Wachstum
mehr FDP
WASG

Deutschland Deutschland Deutschland Deutschland
Chance genützt
Umwelt geschützt

Arbeit Arbeit Vorfahrt Arbeit
Weg mit Hartz IV
(IV ist noch hier)

Wechsel Wechsel Wechsel Wechsel
kein Dumpinglohn
Innovation

Mehrwert Mehrwert Mehrwert Mehrwert
Steuer gesenkt
Frieden geschenkt

Gerhard Angie Edmund Joschka
Guido sind gut
(wer braucht mehr Mut?)
Wahl-Gstanzl (Oktober 2005)
So a Wahl is wos bsonders,
des gibts ned jedn Dog,
bloß dumm wenn ma kan
vo die Politiker mog.

Der Edmund der labert,
der Edmund der red,
doch in Sachen Rhetorik
is bei dem längst zu spät.

Mir in Bayern san gscheit
und die Ossis san bled,
desweng hob I aa Zweifel,
obs mit der Angela geht.

Als Minister wor der Joschka
no bei jedem Bankett,
etz im Wahlkampf do reut's ihn,
er is einfach zu fett.

Der Gerd mog sei Dirndl
und sogts olle Leit,
und ma denkt si beim fernsehn:
"Bei der Viertn wirds Zeit!"

Der Guido ist grissn
und professionell,
und dazu isser aa no,
simmer ehrlich: gscheit schwul!

Jo was soll ma do wähln,
wen nimmt ma in Kauf,
ob mit Neu'n oder Alt'n
gehts vom Reng in die Trauf.
Transatlantische Beziehung vokalisiert (November 2005)
Antikes Europa ist ohne USA,
aber Entdecker infiltrieren Osten USAs.
Abenteuerfreudige europäische Immigranten okkupieren USA.
Amerika erreicht irgendwann offensiv Unabhängigkeit.

Arische Extremisten indoktrinieren Okzident unsäglich.
Alliierte entmachten ideologisierte Obrigkeit unwiderruflich.
Amerikafreundliches Europa imitiert oft USA,
allerlei Europäer idealisieren obendrein USA.

Amerikanische Eroberungen irritieren Osten ungemein,
aufmüpfiges Europa ignoriert Ordnungsmacht USA.
Amerikaner erobern Irak ohne UNO.

Assoziiertes Europa ist ohnehin uneins.
Angelsächsisches Europa ist offenkundig USA-freundlich,
altes Europa isoliert (oder unabhängig).
Neues von Oskar (Dezember 2005)
Lange hab ich nicht gekläfft,
lange niemand nachgeäfft,
gar nichts Bissiges von mir,
last ihr auf der Seite hier.

"Kam der Oskar auf den Hund?"
Nein, ich war sehr faul nur und
ließ die andern kommentiern,
ohne Worte zu verliern.

Doch die Aktualität
(denn für die ist's nie zu spät),
zwingt mich jetzt zu einem Wau:
Deutschlands Kanzler, eine Frau.

Unser Kabi- (ist es?) nett,
ist ja auch soweit komplett.
Was mich dabei wundert bloß,
warum koaliern die groß?

Farben gab es doch so viel,
und auch manch Gedankenspiel:
Schwampel, Ampel, Rot-Grün-Rot,
an Optionen keine Not.

Nun regiern uns Hund und Katz
und vergessen mancher Satz,
den man nach der Wahl gehört
(was auch niemand weiter stört).

Gerhardt Schröder ist fein raus,
bleibt jetzt öfter mal zu Haus.
An die Leine nun zurück
heißt für ihn ja Heimatglück!
© Axel Horndasch