gedichte des monats, 2006
Januar: Die Bahn kommt – irgendwann
Februar: Word-Wand-Lungen
März: Oskar und der Schlittenhund
April: Das Vogelmassaker
Mai: Unvollständig
Juni: Prominente überall
Juli: Die Nabelschau des Kabeljau
August: Rück- und Ausblick
September: Der Himmel über der Queen
Oktober: Traum vom Fliegen
November: Wort für Wort
Dezember: Hypocrisy Rap

Die Bahn kommt – irgendwann (Januar 2006)
Wer mit Zügen fährt, der kennt
"Unser Zug hat im Moment ...".
Und es kann gemeinhin gelten,
die Momente sind nicht selten.

Anschlussreisende sind Schuld,
das erfordert viel Geduld.
Selbst hört man zu Anschlussfahrten:
"Leider kann Ihr Zug nicht warten."

Steht's schlecht um "Ihr Reiseplan",
gibt es gratis von der Bahn
Gutscheinkarten als Geschenke
oder Kalt- und Heißgetränke.

Manchmal ist man richtig froh
über so ein Bordbistro.
Dort kann man zum Kaffee laden
(auch bei 'nem Personenschaden).
Word-Wand-Lungen (Februar 2006)
An Angel Angelogen
Au Autoren Autorennen
Ei Eis Eisenstange
Form Formal Formaldehyd
 
Gar Garde Garderobe
In Inkas Inkasso
Lau Laus Lauschangriff
Po Pol Politik
 
Rap Raps Rapsodie
Rum Rumba Rumballern
Sie Sieb Siebensachen
Tor Torte Tortellini
 
Ur Urin Urinstinkte
Vers Versuch Versuchung
Wal Wald Waldorfschule
Zu Zug Zugunsten
Oskar und der Schlittenhund (März 2006)
Mein Freund ist ein Athlet
und in der Zeitung steht
ganz oft was über ihn
(er war auch in Turin).

Er rennt ganz meisterhaft
bei jeder Meisterschaft.
Denn Hundeschlitten ziehn
ist Leidenschaft für ihn.

Doch kürzlich da verlor
er so wie nie zuvor.
Ein Bluthund schlug in klar,
(was doch recht eigen war).

Dass er zu langsam lief,
traf unsren Champion tief:
"Wie konnte das passiern,
ich will nicht mehr verliern!"

Nun ist mein Freund nicht dumm,
er stellt jetzt vieles um.
Und, was man so erfährt,
auch wie er sich ernährt.

Mich macht das sehr nervös,
ich bin auch etwas bös,
weil er nicht nur mehr frisst,
was Hundefutter ist.

So kann es sehr gut sein,
hebt er am Baum das Bein,
dass das, was er da pisst
ein wenig bläulich ist.
Das Vogelmassaker (April 2006)
Ein Vogel wollte Amok laufen
in dem grünen Walde.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Die Amsel lag erdrosselt da,
lasst Euch erzähln was noch geschah.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Der Sperber, der Sperber,
das war der Spielverderber.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Dem Seidenschwanz, dem Seidenschwanz
schoss er ins Herz aus der Distanz.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Die Lerche, die Lerche
erstach er vor der Kerche.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Der Auerhahn, der Auerhahn
verblutete (nicht ganz nach Plan).

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Die Meise, die Meise
singt jetzt nicht mal mehr leise.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Die Gänse und die Anten,
wie sie vergeblich rannten.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Dem Pfau mit seinem bunten Schwanz
blieb nur ein letzter Totentanz.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Das Finkelein, das Finkelein
erhängte er im Kämmerlein.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Die Fledermaus, die Fledermaus,
entkam und starb im Krankenhaus.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Die Eule, die Eule
erschlug er mit der Keule.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Frau Kratzefuß, Frau Kratzefuß
sieht nun so aus wie Apfelmuß.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Dem Uhu, dem Uhu
klebt' er den Schnabel zu.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Der Hahn, wer hätte das gedacht,
kam durch und krähte Gute Nacht!

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.

Das Massaker, es ist nun aus,
die Vögel selbst sind Leichenschmaus.

Ratatatata, ratatatata, ratatatatatata.
Unvollständig (Mai 2006)
Ein Dicker ging durch die Dünen
und mit ihm gingen zwei Hünen,
ein großer, ein kleiner
(war doch wohl nur einer),
so gingen sie durch die Dünen.

Da kam ein Dünner und grüßte.
"Was macht Ihr drei in der Wüste?
Ein Großer, ein Kleiner,
ein Dicker, sonst keiner?"
Und mit ging er durch die Wüste.
Prominente überall (Juni 2006)
Schönes Jacket, Tom. Häng's an die Garderobe.

Wenn er sich beim Stunt was gebrochen hat, muss man den Mel gipsen.

Eures Weines und Britney's Biers wegen kann ich jetzt diese Musik ertragen.

Die Frau besitzt mehr Stoffwindeln als jede andere. Ein paar kann sich die Ursula von der leihen.

Den Moselwein kennt der Lars von Trier.

Wäre ich ein adeliger Hund, ginge ich mit der Andrea gassi.

Wenn der Steve 'n Spielberg sehen will, geht er im Jurassic Park spazieren.

Was regst du dich über das Betriebssystem auf. Beim Bill geht's!

Hat sie Lust auf oberflächliches Gerede, will Sabine Christian sehn.

Wenn er seine zerkratzte Holzkugel neu anstreichen will, braucht der Michael Ball-Lack.

Wie er mit schwachen Witzen ins Gericht geht? Der Heinz? Eh'r hart.

Wim! Wenn der's bei uns nicht gefällt holen wir den Wendelin!
Die Nabelschau des Kabeljau (Juli 2006)
Die Interviews
der Meeres-News,
die Hammerhaie machen,
sind sehr beliebt bei jedem Fisch,
oft gibt's auch was zu lachen.

Ein wenig forsch
war mal ein Dorsch,
der sprach:
"Ich bin der Größte!"
Wodurch er den Reportern
scheinbar Eitelkeit entblößte.

Die Nabelschau
des Kabeljau
schlug ziemlich hohe Wellen.
Ein schlechter Ruf
schwamm ihm voran
bis hin zu den Forellen.

Es war Verdruss
in jedem Fluss
in Weihern und in Teichen,
in Seen und Meeren sowieso,
ein Unmut sondergleichen.

Ein blauer Wal
rief: "Schlauer Aal,
weis Du ihn in die Schranken,
Uns ist egal, wie Du es machst,
wir würden uns bedanken."

Der Aal sprach glatt:
"Mach Du ihn platt!
Und er darf sich nicht wundern,
passt er, wenn Du dann fertig bist,
am besten zu den Flundern."

Leicht irritiert,
weil falsch zitiert,
war unser Dorsch und sagte:
"Warum bin ich nun unbeliebt
und fast schon der Gejagte?

Ich sag Euch klar,
die Frage war:
'Bist Du ein Sprücheklopfer?'
Und weil ich ehrlich Antwort gab,
bin ich nun plötzlich Opfer."
Rück- und Ausblick (August 2006)
Man sieht ein Stück Vergangenheit
und denkt zurück an eine Zeit,
von der man nicht mehr sehr viel weiß,
nur unbedeutende Details.

Sogar sich selbst erkennt man kaum,
man fragt sich "War es nur ein Traum?
Und ist er deshalb leicht verklärt,
weil schon seit längerem verjährt?".

Vergegenwärtigen ist schwer:
die Träume werden immer mehr.
Wir leben jetzt, doch irgendwann
fängt dies Gedicht von Neuem an.
Der Himmel über der Queen (September 2006)
Wolken wandern,
Türme nicht.
Häuser stehen
dicht an dicht.

Räder drehn sich,
bleiben stehn.
Nur ein Augenblick
zu sehn.

Bäume, die
am Ufer sind.
Blätter wiegen
sich im Wind.

Leicht bewegt
sie sich, die Luft.
Nasenflügel
voller Duft.

Wellen schallen
sanft ans Ohr.
Stellen allen
etwas vor.

Engel sieht man
(flüchtig nur,
als schneeweiße
Flugzeugspur).
Traum vom Fliegen (Oktober 2006)
Viele Menschen stehen Schlange,
warten kurz erst und dann lange,
schieben Koffer vor sich her
(Business-Check-in ist ganz leer).

„Tickets bitte und die Pässe”,
sagt ein Mann mit Achselnässe.
„Reihe 13, Sitzplatz A,
sind's a bisserl vorher da!”

Vor dem Gang zum Gate die tolle
Nagelscherereikontrolle,
Schuhausziehen, Flaschenklau
und davor natürlich Stau.

Dann beim Flug in der Kabine
fühlt man mit der Ölsardine,
die die Stewardess serviert
(dass der Koch sich nicht geniert).

Später hört man ungelogen
„Danke, dass Sie mit uns flogen,
sei'n Sie wieder unser Gast!”
Der den Anschlussflug verpasst.

Schließlich die Gepäckausgabe,
„Baggage Claim” heißt's heutzutage.
Man wie wurmt mich dieses Band:
Alle Koffer unbekannt!

„Ihr Gepäckstück ist verschwunden?
Ah, ich hab es schon gefunden.
Knapp zwei Tage dauert's wohl,
grade ist's in Charles-de-Gaulle.”

Dass Verkehrsflugzeuge fliegen,
könnt' an Leonardo liegen.
Aber was ich sagen muss,
heut' träum ich von Ikarus.
Wort für Wort (November 2006)
Im Anfang war das Wort,
kurz später kam der Satz
und sagte: „Geh nicht fort,
mein Wort, ich habe Platz!”

„Die Worte fehlen mir
für meine Eloquenz
und nicht zuletzt auch für
die nackte Existenz.”

Das Wort, es dachte lang
und schließlich sah es ein:
„Nur im Zusammenhang
kann ich bedeutend sein.”

„Ich schließ dem Satz mich an,
doch, glaub ich in der Tat,
verdien ich irgendwann
ein eignes Prädikat.”

Da sprach der Satz: „Perfekt,
mal sehn, wen ich da find,
wenn Tunwörter Objekt
Deiner Begierde sind.”

Das Werben um ein Verb
war von Erfolg gekrönt.
Es passte ganz superb
(und war auch leicht gedeehnt).

Der Satzbau machte Spaß
und dabei blieb es nicht,
denn was man letztlich las
war fast schon ein Gedicht.
Hypocrisy Rap (Dezember 2006)
Ein kleines Feld,
sehr viel Geld,
und eine Firma von Welt,
mit einer ganz
blitzsaubren Bilanz,
nicht ohne Glanz.

Doch was sich nun als korrupt
entpuppt
ist das System.
Unbequem
für die Männer die da oben,
jetzt toben,
ob sie was wussten?
Sie mussten!
Und was sie sagen, will man nicht hörn
auch wenn sie schwörn,
denn nach dieser großen Schweinerei
kommt jetzt blanke

Heuchelei, Heuchelei,
ich glaube ich spei,
Heuchelei, Heuchelei,
wir sind alle dabei,
Heuchelei, Heuchelei,
macht von Werten euch frei,
Heuchelei,
ich glaube ich spei!

Sie radeln, laufen und schwitzen
und reißen uns von den Sitzen,
mit Spritzen,
die sich wohl lohnen,
für unsre Sportlerikonen,
wie auch die Bluttransfusionen.

Sie werden plötzlich naiv,
sind ihre Tests positiv.
Dann heißt es wirklich beklommen
”Ich habe nie was genommen!
Ich habe nie was gekriegt
und immer sauber gesiegt.”
Doch was sie sagen ist keinem neu,
man kennt die pure

Heuchelei, Heuchelei,
ich glaube ich spei,
Heuchelei, Heuchelei,
wir sind alle dabei,
Heuchelei, Heuchelei,
macht von Werten euch frei,
Heuchelei,
ich glaube ich spei!

Die schlimmsten Heuchler,
sie heucheln
und meucheln
in Gottes Namen,
na Amen
und Inschallah,
al-Qaida, Uh Es Of Ah.
Sie wolln vom Feinde befreien,
und dabei gar nichts bereuen.

Soldaten und Zivilisten,
die sich nicht vorher verpissten,
zahln dann die Zeche und geben
ihr Leben
für ihre Führer,
Hassschürer,
die noch verdienen,
warum nur glauben sie ihnen.
Ist die Mission dann erfüllt,
sind sie in Flaggen gehüllt.
Und selbst die Grabrede ist nicht frei
von beschissner

Heuchelei, Heuchelei,
ich glaube ich spei,
Heuchelei, Heuchelei,
wir sind alle dabei,
Heuchelei, Heuchelei,
macht von Werten euch frei,
Heuchelei,
ich glaube ich spei!
© Axel Horndasch