gedichte des monats, 2007
Januar: Ode an den Entertainer
Februar: Oskar als Wachhund
März: Geistes Haltung
April: Rap-Pharisäer
Mai: La deutsche Vita
Juni: In Dir und Mir
Juli: Oskar bei den Katzen
August: Das Ovum und der Frosch
September: Quallen-Rap
Oktober: Nicht einmal ein Zwergplanet
November: Oskar und die Dichterschlacht
Dezember: Die Fliege

Ode an den Entertainer (Januar 2007)
H arald Schmidt
A m späten Abend
R edet mit
A uch höher trabend
L iebt das Scherzen, ist gemein
D rückt's den Prominenten rein

S chmidt ist beißend
C hic, mitreißend
H ypochonder
M an weiß von der
I ronie in jedem Satz
D er
T ickt richtig (ab die MAZ)
Oskar als Wachhund (Februar 2007)
Ich will mein Schweigen brechen
und mit Euch was besprechen.
Ich hatte einen Job,
den fand ich ziemlich top.

Was gab es da zu machen?
Ich musste was bewachen,
ein Riesendomizil,
zu tun gab es da viel.

Doch sollt' ich nicht nur bellen
und mich vor's Häuschen stellen.
Ich habe observiert
und alles kontrolliert.

Mich juckte an dem Ganzen
(ich hatte da auch Wanzen),
die unbeschränkte Macht
durch den, der überwacht.

So über allen stehen,
mit Kameras zu sehen:
Geheiminformation
aus jeder Position.

Ich war dort bald auch schneller
als jeder Postzusteller.
Die kannten dann den Grund
für „Warnung vor dem Hund”.

Mein Fehler war zu glauben
ich könnt' es mir erlauben
auch manchen andern Tier'n
so nachzuspioniern.

Die Katze noch zu stören
in ganz privaten Sphären,
das ging wohl doch zu weit.
Ich habe es bereut.

Denn Augen auszukratzen
mit Ihren scharfen Tatzen,
das kann sie effizient
(wie man's aus Bremen kennt).

Den Job hab ich verloren
und mir klingt in den Ohren:
„Wenn man ein Schnüffler ist,
kriegt man ans Bein gepisst.”
Geistes Haltung (März 2007)
Sucht man heute Sittenstrolche,
findet man nicht nur mehr solche,
die man früher einmal fand.
Nun regier'n sie auch das Land!

Und durch diese Leyenpriester
werden alle Mamas Biester.
Offiziell, ministerial
torpediert man die Moral.

Nicht nur zu Gebärmaschinen,
auch zu Wirtschaftskonkubinen
macht man Frau'n per Kinderhort
(ich war selbst schon einmal dort).

Gut dass die mit Bischofsmützen
uns're Mütter unterstützen;
ist die Rolle definiert,
kommt der Segen garantiert.

Ich will mich der Kirche beugen
und für sie Jehovas zeugen,
die dann meine Frau erzieht
(denn das ist ihr Fachgebiet).
Rap-Pharisäer (April 2007)
Wir wärn so gern Tabu-Brecher,
Verbrecher
oder auch Rächer
der Armen,
ohne Erbarmen
für Reiche,
doch eine Leiche
hat jeder von uns im Keller
was schneller
als uns das lieb ist
publik ist
und statt politisch,
merkt man, wir sind hypokritisch.

Denn wir sind leere Versprecher
und nur durch Reime Bestecher.
Wir sind auch Worteverdreher,
man nennt uns Rap-Pharisäer.

Wir gehn bei Burger-King essen
und fressen,
bis wir vergessen,
dass wir die Globalisierung
so hassen wie die Regierung.
Wir kennen keinen Minister
und ist er
noch so beschissen.
Wir wissen
nichts von Programmen,
die nicht vom Fernsehen stammen.

Wir machen leere Versprecher
sind nur durch Reime Bestecher.
Wir sind die Worteverdreher,
Ihr kennt uns Rap-Pharisäer.

Weil unsre Erde nichts wäre
ohne die Erdatmosphäre
filtern wir Feinstaubpartikel
unserer SU-Vehikel.
Die Welt zu retten ist richtig
und wichtig,
wenn's kein Problem ist,
bequem ist,
dann unterstützen
wir auch, die Umwelt zu schützen.

Wir machen hehre Versprecher
und sind durch Reime Bestecher.
Wir sind auch Worteverdreher,
ganz einfach Rap-Pharisäer.

Wir gehen gern demonstrieren,
doch frieren
wir an den Nieren
wegen
dem Regen,
bewegen
wir uns mit Demokollegen
ins Warme und diskutieren,
wofür wir uns engagieren,
wogegen wir protestieren
und was wir scharf kritisieren.

Das sind die leeren Versprechen,
die nicht durch Reime bestechen.
Nur gute Worteverdreher
sind echte Rap-Pharisäer.
La deutsche Vita (Mai 2007)
In Italien darf man das!
In Italien darf man was?

Unter schattigen Zypressen
Allzutägliches vergessen,
die Zitronen blühen lassen
und das Urlaubsgeld verprassen.

In Italien darf man das!
In Italien darf man was?

Jovial dem Ober winken,
mittags schon den Rotwein trinken,
Pasta, Pizza schnabulieren,
BMI-Hoch anvisieren.

In Italien darf man das!
In Italien darf man was?

Fresken mit dem Blitz erhellen,
sich auf alte Mauern stellen.
Auch den Rasen mal betreten,
gaffen während andre beten.

In Italien darf man das!
In Italien darf man was?

Springerpresse kaufen, lesen,
(gilt die nicht sogar als Spesen),
Deutsche Biere sehr vermissen
und in die Zisterne pissen.

In Italien darf man das!
In Italien darf man was?

Auf der Autostrada stinken,
überholen ohne Blinken.
Parkverbote ignorieren,
mit Promill' den Wagen führen.

In Italien darf man das!
In Italien darf man das!

Bell' Italia, Land der Sonne,
Du verbreitest Glück und Wonne.
Ach, wie sehr gefällst Du mir
(nur an Ordnung fehlt es Dir).
In Dir und Mir (Juni 2007)
(der Stolze und der Zweifler)
Es steckt in Dir und mir!
Warum sind wir denn heute hier?
Es steckt in Dir und mir!
Es müsste erstmal auf Papier.
Es steckt in Dir und mir!
Es wär' fantastisch, wärn wir vier.
Mensch wir sind wir!
Warum sind wir denn hier?

Es ist kein leichtes Spiel
und auch kein leichtes Ziel:
perfekte Poesie,
Syntax und Symmetrie.
Es holpert noch zu oft,
man stolpert und man hofft
nur auf den nächsten Reim,
da fühle ich mich nicht daheim ...

Es steckt in Dir und mir!
Warum sind wir denn heute hier?
Es steckt in Dir und mir!
Es müsste erstmal auf Papier.
Es steckt in Dir und mir!
Es wär' fantastisch, wärn wir vier.
Mensch wir sind wir!
Warum sind wir denn hier?

Wir machen Sprechgesang
und das noch gar nicht lang.
Wir reimen rhythmisiert,
urteilen unversiert.
Wir gehen in die Voll'n,
wissen nicht was wir woll'n.
Was ich will weißt Du nun!
Na gut dann lass es uns jetzt tun ...

Es steckt in Dir und mir,
und deshalb sind wir heute hier!
Es steckt in Dir und mir,
es musste nur noch auf Papier!
Es steckt in Dir und mir,
es ist fantastisch hier mit dir,
denn wir sind wir
und deshalb sind wir hier!

Von einem andren Stern?
Das wärn die Rapper gern.
Wir wissen doch auch so,
man kocht mit Ha zwei Oh.
Wir woll'n verwegen sein,
wir woll'n Kollegen sein,
wir sind genauso gut,
doch bisher fehlte uns der Mut ...

Es steckt in Dir und mir
und deshalb sind wir heute hier,
es steckt in Dir und mir,
es musste nur noch auf Papier.
Es steckt in Dir und mir,
es ist fantastisch hier mit Dir,
denn wir sind wir
und deshalb sind wir hier.
Oskar bei den Katzen (Juli 2007)
Als Hund hab ich mit Katzen
nur selten was am Hut.
Wie Hund und Katz verstehen
wir uns (das ist nicht gut).

Doch kenn ich einen Kater,
den find ich sogar nett.
Sein schleichendes Gehabe
macht er durch Frohsinn wett.

Erst kürzlich warn wir feiern
bei seinem Katzenfreund.
Bei super Katerstimmung
blieb keiner angeleint.

Die Milch, sie floss in Strömen,
wobei ich sicher bin,
bei dieser Variante
war noch was andres drin.

Auch eine hübsche Mieze
war mit von der Partie.
Und bald schon hatt' ich Nase
und Augen nur für sie.

Ich war da was Besondres,
darum gefiel ich ihr.
Die schönen Katzenaugen,
die machte sie nur mir.

Wer meine Hundeblicke
so traumhaft reflektiert,
der hat (so wie mein Frauchen)
alsbald mich auch verführt.

Mein Freund, der nette Kater,
er warnte mich zu spät.
Als ich wieder erwachte
hat schon der Hahn gekräht.

Die Mieze war verschwunden
und mir blieb nur die Wut:
Raubkatzen rauben alles,
Verstand und Hab und Gut.

Mir war nach Katzenjammer,
der Kopf noch halb verdreht.
Als Rassehund verkatert
(jetzt weiß ich, dass das geht).
Das Ovum und der Frosch (August 2007)
Es war einmal ein Ei,
das stand auf einer Leiter,
da kam ein Frosch vorbei
und sprach „Na das wird heiter!

Du bist wohl auf dem Sprung
von dieser schönen Leiter?
Dann nimm mal kräftig Schwung,
sonst geht ja hier nichts weiter.”

Das Ei sprach: „Sei kein Frosch
und hör mal auf zu wettern.”
Sein Mut jedoch erlosch,
noch weiter hochzuklettern.

„Es ist ja wohl nicht wahr,
dass Eier mich blockieren”,
der Frosch, er machte klar:
„Ich muss prognostizieren!”

Dem Ei war etwas schlecht,
doch sagte es: „Die Leiter,
auf die hab ich ein Recht.
Mensch Frosch, denk doch mal weiter!

Nur wenn mein Sprung gelingt
entsteht auch neues Leben.
Du musst mir unbedingt
den Platz heut übergeben.”

Der Frosch sah bald schon ein:
„Das Ei will sich nicht rühren.
Doch zu mehr Sonnenschein,
wird das nicht grade führen.”
Quallen-Rap (September 2007)
Stell dir mal vor du bist am Strand
und da ist nicht nur Sand.
Da sind Riesenglibberhaufen,
lauter Haufen, die nicht laufen,
die nur schwabbeln statt zu krabbeln,
die nicht babbeln sondern wabbeln.
Alles weiße Götterspeise
ganz am Ende einer Reise
durch die Ostsee an den Strand
und jetzt liegt sie da im Sand.

Und du sagst nur: „Abgefahren!”,
willst den Glibber dir ersparen,
gehst im Bogen drum herum,
und denkst „Ich bin ja nicht dumm.
Gleich im Meer bin ich alleine,
da gibt's Muscheln, Krebse, Steine,
höchstens ein paar Fische noch
und die fürchten sich ja doch”.

Vor den großen Schwimmertaten
musst du weite Wege waten,
spitze Steine senden Grüße
an die hornhautlosen Füße.
Schon nach ein paar Schritten fallen
sie dir auf, die Mörderquallen,
wie sie dicht bei deinen Knien
ihre Fadenkreise ziehen.
Sicher fressen die Medusen
nicht ausschließlich Planktonflusen
und du denkst: „Ich bin nicht dumm,
um die schwimme ich herum.”

Und du stürzt dich in die Fluten,
musst sogleich dich aber sputen,
weil dich Quallen überfallen,
erst von links und dann von allen
andern Seiten und sie gleiten
dicht zu dir und sie bereiten
deiner Psyche Höllenqualen:
Du beginnst dir auszumalen,
wie die prallen, drallen Quallen
sich dich ohne Mitleid krallen.
Wie sie dich an Fuß und Knien
in des Meeres Tiefe ziehen
und dich dort mit Haut und Haaren
in dem kalten aber klaren
Ostseewasser dann verschlingen
und noch hämisch Lieder singen.
Nun pulsiert dein Blutkreislauf,
panisch tauchst du wieder auf.

Du betrachtest diese bösen
Wabbel-Glibber-Schwabbel-Wesen,
wie sie sich ins Wasser legen,
sich mit Leichtigkeit bewegen,
wie sie fallschirmgleich sich heben
und auf jeder Welle schweben.
Plötzlich findest du Gefallen
an den lilablauen Quallen.
Du nimmst eine in die Hände
und denkst kurz: „Das ist mein Ende!”,
denn die Tiere sind nicht trocken.
Doch Du bist nur kurz erschrocken,
dann bemerkst Du die Tentakel,
ein Spektakel ohne Makel.
Zwar gallertig, doch ästhetisch,
irgendwie fast majestätisch,
Gelatine voller Leben,
Menschen kann sie Ausschlag geben.
Aber auch wenn sie mal brennt,
bleibt die Qualle transparent.

Du lässt diese eine fallen
und sagst zu den andern allen:
„Lebt denn wohl ihr Nesseltiere,
ich muss raus, weil ich schon friere.”
Wieder musst Du lange gehen,
dann am Strand ein Wiedersehen
mit den Riesenglibberhaufen,
die nicht krabbeln, die nicht laufen.
Hier am Ende deiner Reise
bei der weißen Götterspeise
merkst du, dass du traurig bist,
weil der Strand ein Friedhof ist.
Nicht einmal ein Zwergplanet (Oktober 2007)
Zum Saturn ist eine Reise
heutzutage sehr bequem.
Treppen rollen dorthin leise,
ohne Sonne, mit System.

Dünne Luft, vielleicht auch dicke,
ist in diesem Teil der Welt.
Und egal wohin ich blicke,
hier braucht man fast gar kein Geld.

Schnäppchenweise geile Preise,
Kunden kurz vor dem Infarkt,
viele haben eine Meise
(ist ja nicht der Media Markt).

Wären hier doch Astronauten,
wär der Ort doch nur ein Stern,
denn dann gäb es keine lauten
Deppen und man käme gern.
Oskar und die Dichterschlacht (November 2007)
Wau!

Soviele Applaudierer, Applaudiererinnen
und wir Dichter möchten ihre Gunst gewinnen,
sind bereit für sie den letzten Reim zu geben,
sind bereit für sie auch mal das Bein zu heben.

Puh!

Denn wir selten kreativen Wortpoeten
werden auf der Bühne zum Apport gebeten.
Von dort unten sehn wir alles leicht verschwommen,
hier ist sicher mancher auf den Hund gekommen.

Ich ja auch!

Hier will jeder federleicht durch Texte tänzeln
und zur Not auch mit privaten Teilen schwänzeln.
Doch wenn dann nicht mal die holden Damen lachen
muss man artig sein und trotzdem Männchen machen.

GRR!

Noch viel schlimmer ist es, wenn die Frauchen stöhnen
und die Herrchen über das Gewinsel höhnen.
Dann heißt's Leine ziehen und von dannen laufen
und zurück bleibt ihr mit einem Hundehaufen.

Puhps!
Die Fliege (Dezember 2007)
Die Fliege prallte auf das Glas
der dicken Fensterscheibe
und fragte sich: „Was soll denn das?
Wer rückt mir hier zu Leibe?”

„Wer hält mich auf auf meinem Flug
aus dieser guten Stube?
Gefressen hab ich schon genug,
ich will zur Jauchegrube!”

Noch einmal flog sie voller Frust
– zwei Meter pro Sekunde –
zum Fenster und war dann bewusst-
los für fast eine Stunde.

Als sie erwachte dachte sie:
„Bin ich denn noch zu retten?
Der Schädel brummt mir wie noch nie
und ich seh nur Facetten.”

„Zudem wird mir hier langsam heiß,
ich will mich fort bewegen
zu einem schönen Haufen Scheiß
und meine Eier legen.”

Wie schwierig ihre Lage war
im schlichten Fensterrahmen,
das wurde unsrer Fliege klar
als die Kollegen kamen.

Die prallten auch am Fenster ab
trotz neuer Flugmethoden.
Die meisten machten gänzlich schlapp
und fielen starr zu Boden.

Die Fliege dachte noch: „Oh nein!
Wer hilft mir aus der Patsche?”
Da kam ein netter Mensch herein
mit einer Fliegenklatsche.
© Axel Horndasch