gedichte des monats, 2010
Januar: De Jure Impressa E80/85
Februar: Drei-Königs-Rap
März: Bye Bye Golf II
April: Abgang
Mai: Stellungswechsel
Juni: Googleunser
Juli: Präsidenten-Rap
August: Oskar goes Web 2.0
September: Kairos
Oktober: Frühstück unterm Feigenbaum
November: In 140 Zeichen
Dezember: Southbound Northern Line

De Jure Impressa E80/85 (Januar 2010)
sine Profi-Auto-Cappuccino-Düse
„Auf heizt, auf heizt” so sprichst nur Du,
Du Automat der Fülle.
Und immer wieder hör ich zu,
wenn Du sie brichst, die Stille.

Ein Meisterwerk, das in Dir mahlt,
es mahlt zwar stets das Gleiche.
Trotzdem hab ich Dich gern bezahlt:
Du gehst in Kernbereiche.

„Hahn auf, Hahn zu” und schon „Bereit”,
Du kannst mich leicht beglücken.
Und selten nur, von Zeit zu Zeit,
muss ich die „Pflege drücken”.

Als Dampfmaschine brauch ich Dich:
Du schäumst ganz ohne Brüllen.
Bei „Trester leeren” frag ich mich,
muss ich jetzt „Bohnen füllen”?

Vollautomatischer Kaffee,
Kaffee vollautomatisch.
Auch Wasserhärte tut nicht weh,
Du machst sie aromatisch.

Dazu noch Deine Sprachvielfalt:
Fill Water, Pronta, Drukken”.
Nur „Biovollmilchfettgehalt”
bringt Dich zum Achselzucken.
Drei-Königs-Rap (Februar 2010)
Die zwei Weisen und der Schwarze aus dem Morgenland
(MC Caspar)
Das Morgenland
sucht keinen Superstar
denn es hat
Caspar, Melchior, Balthasar.
Wir sind drei Königsrapper
mit ‘nem leichten Hang
zu Myrrhe, Weihrauch,
Gold und Sprechgesang.

Ich bin der Caspar und
bin König Nummer eins
das große „C”
in „CMB” ist meins.
Doch auch die andern zwei
sind immer mit dabei,
denn aller guten
Könige sind drei.

Wir sind „Cas-par” (Publikumsecho: „Cas-par”),
wir sind „Mel-chi-or” (Publikumsecho: „Mel-chi-or”),
wir sind „Bal-tha-sar” (Publikumsecho: „Bal-tha-sar”).

Gerade kürzlich erst
da ist uns was passiert,
was euch eventuell
womöglich intressiert.
Es kam vom Himmel hoch
zu uns auf Erden her
und es war krasse,
gute neue Mär.

Der guten neuen Mär,
da gibt es ziemlich viel.
Und euch davon zu sa-
gen, das ist unser Ziel.
Doch werden wir nicht sin-
gen, das kann jeder Depp,
wir machen lieber
den Drei-Königs-Rap.

(MC Melchior)
Ich bin der Melchior,
ich mache heut den Mohr,
und ich hab Großes vor,
denn ich bin Co-Autor.
Ich hoff ihr habt Humor,
und leiht mir euer Ohr,
dann rapp ich euch was vor
mit euch im Chor.

Ich sag „Quo-te” (Publikumsecho: „Quo-te”),
ich sag „Ne-ger” (Publikumsecho: „Ne-ger”),
ich sag „Far-bi-ger” (Publikumsecho: „Far-bi-ger”).

Ich bin der schwarze Weise
aus dem Morgenland,
der neulich einen Stern
am Himmel fand.
Ich dachte: Hey, was geht?
Ich sag’s euch ganz konkret,
das Ding ist offenbar
kein Zwergplanet.

Weil ich nicht sicher war
ging ich zu Balthasar,
der machte Caspar gleich
den Ernst der Lage klar.
Dann waren wir zu dritt
verdammt lang unterwegs.
Mir ging der Trip schon
ziemlich auf den Keks.

Die Reise zog sich noch
und nervte echt extrem,
doch schließlich kamen wir
direkt nach Bethlehem.
Dort war kein Zimmer frei,
auch nicht im Grand-Hotel,
nur dieser Stern,
der strahlte superhell.

Wir suchten stundenlang,
ganz einfach überall
und schließlich fanden wir
ein Kind in einem Stall.
Und dass das Wiegenkind
ein echter Checker war,
davon erzählt euch
MC Balthasar.

(MC Balthasar)
Ich sagte: „Jesus Christ (englisch aussprechen),
wisst Ihr schon wie der heißt,
der in der Krippe liegt
und in die Windeln scheißt?
Ist das ist der Jesus Christ,
der auch der Heiland ist,
auch wenn er jetzt noch
in die Hose pisst?”

Die Mutter sagte nur,
das Kind wär grad geborn
und sie wär selbst von Gott
als Jungfrau auserkorn.
Der Vater fügte an:
„Der wird mal Zimmermann.”
Und schließlich fie-
len ihre Namen dann.

Er hieß „Jo-sef!” (Publikumsecho: „Jo-sef”),
das Kind „Je-sus!” (Publikumsecho: „Je-sus”),
und sie hieß „Ma-ri-a!” (Publikumsecho: „Ma-ri-a”).

Es warn auch Hirten da,
die hattn‘s sehr bequem,
denn diese Hirten warn
aus Central-Bethlehem.
Die haben immer al-
le ihre Schafe mit,
so dass man überall
auf Schafshit tritt.

Auch Ochs und Esel warn
in diesem kleinen Stall,
die stanken ebenfalls,
das war nicht grad mein Fall.
Wir brachten trotzdem un-
sere Geschenke dar,
weil es nun mal
die erste Weihnacht war.

Seitdem verging die Zeit
für uns fast wie im Flug.
Denn von uns Weisen kriegt
man scheinbar nie genug.
Wir sind seit zwei Jahrtau-
senden nun schon auf Tour.
Am Ende sagen
wir dann immer nur:

„Ha-llo” (Publikumsecho: „Ha-llo”),
„Dan-ke-schön” (Publikumsecho: „Dan-ke-schön”),
„Wie-der-sehn” (Publikumsecho: „Wie-der-sehn”).
Bye Bye Golf II (März 2010)
Ich hatte Dir verraten,
Du würdest bald verkauft.
Mit nicht ganz trocknen Augen
hab ich tief durchgeschnauft.

Du nahmst es ganz gelassen
und sprangst darauf nicht an.
Der Anlass/er war traurig,
dann liefst du irgendwann.

Wir fuhren durch die Gegend,
auch einen Berg hinauf.
Du fingst leicht an zu stöhnen
und heultest schließlich auf.

Sofort beschlug die Scheibe,
die Wischer halfen kaum.
Ich gab Dir Taschentücher
für Deinen Innenraum.

Bei Marloffstein und Effeltrich
zerbrach mein Herz (die Liebe nich‘).
Ich machte noch ein Bild von Dir,
wie schön Du warst, das sieht man hier.

Und auf dem Weg nach Hause,
wir rollten sanft ins Tal,
nahm ich nochmal den Gang raus,
ein allerletztes Mal.

Nun fährst Du bald im Süden
auf unsrem Kontinent,
weil man dort Deine Stärken
(vielleicht auch Schwächen) kennt.

Du warst als Weggefährte,
verlässlich, selten frech.
Ich wünsch Dir alles Gute,
Du roter Haufen Blech!
Abgang (April 2010)
Wenn Ihr ein bisschen leiser seid,
dann stört mich meine Heiserkeit
nicht ganz so sehr.

Die Stimme ist mal eben weg
und Zwang hat bei ihr keinen Zweck.
Sie mag nicht mehr.

Ich trank schon literweise Tee
und trotzdem tut mir alles weh,
nicht nur oral.

Beim Räuspern merk ich immer mehr,
auch tiefer unten schmerzt es sehr,
brutal bronchial.

Die Lungenflügel flattern leicht,
ein Bläschen platzt, weil es ihm reicht.
Die Luft wird knapp.

Ihr Leute reagiert geschockt,
da mir nun ganz der Atem stockt.
Ich mache schlapp.

Ich leg mich auf der Bühne hin,
weil ich nicht mehr ganz bei mir bin.
Das Licht geht aus.

Als man mich von der Bühne schafft,
da höre ich mit letzter Kraft
den Schlussapplaus.
Stellungswechsel (Mai 2010)
Ich steh hier auf zwei Beinen
und bin mit mir im Reinen.
Naja, ich bin es nicht,
der Reim ist mir zu schlicht.
Zwar ist der Reim ein reiner,
doch leider ist‘s auch einer,
der nichts besondres ist
und den man schnell vergisst.

Ein guter Freund der Lorentz
sagt allerdings: „Performance
ist das, was Dir noch fehlt.
Du bis zu sehr beseelt
von rhythmisch-reinen Reimen.
Hör endlich auf zu träumen.
Versuch’s mit Stimmgewalt –
oder was andrem halt.”

Zwei_Beine
Jetzt steh ich hier auf einem Bein,
mein Herz und auch mein Reim ist rein.
Mein Kopf jedoch ist leer
und trotzdem furchtbar schwer.
Ich fürchte ich hab keine Chance,
gleich geht sie flöten, die Balance.
Die Muse folgt ihr nach
und mir droht Not und Schmach.

Linkes_Bein
Ich wechsle schnell aufs andre Bein,
doch so zu stehn, nur das allein
hilft nichts. Ich brauch Ideen
anstatt hier rumzustehn.
Ein Hüpfer oder besser zwei,
die mach ich mal so nebenbei.
Denn schmerzt mich auch mein Bein,
Performance muss ja sein.

Rechtes_Bein
Und jetzt auf allen Vieren,
kann mir nichts mehr passieren.
Ich falle niemals um.
Nur wirkt es etwas dumm,
weil schließlich sogar Affen
es ohne weitres schaffen,
ganz aufrecht rumzustehn
und aufrecht rumzugehn.

Alle_Viere
Nun steh ich auf zwei Händen,
wie soll das alles enden.
Wer sich zum Affen macht
wie ich wird ausgelacht.
Auch auf den Handgelenken
kann ich nicht klarer denken.
Die Finger werden taub.
Ein Scheißdreck – mit Verlaub.

Ich frage mich nun, lohnen
sich mehr Permutationen?
Ich glaube eher nicht,
der Reim bleibt eher schlicht.
„Der beste Reim” meint Lorentz
„war der für‘s Wort ’Performance‘,
die selbst auch besser war”.
Ironisch offenbar.
Zwei_Haende

Bei dem Versuch auf einer Hand
seh ich rein lyrisch gar kein Land.
Ich glaub ich lass es sein
(auch mit dem reinen Reim).
Eine_Hand
Googleunser (Juni 2010)
Google unser im Netzwerk,
geheiligt sind Deine AdWords.
Dein Chrome komme.
Dein Android geschehe,
wie in YouTube so auf StreetView.
Unsre tägliche Mail gib uns heute.
Und verlink uns unseren Buzz,
wie auch wir verlinken unsere Follower.
Und führe uns niemals auf YouPorn,
sondern erlöse Geld aus den Daten.
Denn Dein sind die Maps und die News
und die Documents im Internet.
Google.
Präsidenten-Rap (Juli 2010)
Ich bin der Bundespräsident,
den sowieso fast keiner kennt.
Ich hab das höchste Amt im Staat,
doch dieses Amt im Staat ist fad.
Meine Karriere ist vorbei
denn es ist völlig einerlei,
was ich so mache oder sag,
drum halt ich Reden jeden Tag.

Theodor Heuss war irgendwann
vor langer Zeit als erster dran.
Gut fünfzig Jahre ist das her
und Deutschland hatte es noch schwer.
Wie Guido Westerwelle war
er in der FDP sogar,
nur mit mehr Hirn und liberal.
Doch das ist alles scheißegal.

Weil diesen Bundespräsident
heut keine alte Sau mehr kennt.
Das höchste Amt in diesem Staat
war auch für ihn wohl eher fad.
Seine Karriere war vorbei
und es war völlig einerlei,
was er so machte oder sprach,
es wirkt in keiner Weise nach.

Mit Heinrich Lübke Superstar,
der auch ein großer Redner war
und aus dem Sauerlande stammt,
kam der Humor ins höchste Amt.
Geniale Improvisation,
immer perfekt traf er den Ton,
es ist fast schade, dass der Mann
so schnell vergessen werden kann.

Er war ein Bundespräsident,
den heute kaum noch einer kennt.
Für dieses höchste Amt im Staat,
stand er zehn Jahre lang parat.
Seine Karriere war vorbei
und es war völlig einerlei,
das er nur Unsinn reden kann,
für dieses Amt der beste Mann.

Dann kamen Gustav Heinemann
und Walter Scheel als nächstes dran.
Der erste „Bürgerpräsident”,
weil er sich damals selbst so nennt.
Der zweite wieder FDP
und auch mal NSDAP,
Doch niemand ist jetzt irritiert,
weil‘s sowieso nicht intressiert.

Sie waren Bundespräsident
und dass sie heute keiner kennt
liegt an dem höchsten Amt im Staat,
denn dieses Amt im Staat ist fad.
Ihre Karriere war vorbei
und es war völlig einerlei,
was sie da machten jahrelang,
da half auch nicht Herrn Scheels Gesang.

Das Wandern war Karl Carstens’ Lust,
so kämpfte er mit seinem Frust.
Er durfte bald auch wieder gehn,
denn keiner wollte ihn mehr sehn.
Richard von Weizsäcker danach,
der nicht dem Ideal entsprach,
hielt gute Reden, aber man
erinnert sich fast nicht daran.

Er war ein Bundespräsident,
den man eventuell noch kennt,
fürs höchste Amt in diesem Staat
kam aus Berlin er vom Senat.
Seine Karriere ist vorbei
doch war nicht alles einerlei
was er so sagte oder tat,
im präsidialen Staatsmandat.

Mit Roman Herzog, unverkrampft,
kam dann ein Bayer angedampft.
Und als er irgendwann verschwand
ging fast ein Ruck durch unser Land.
Johannes Rau aus NRW
war wieder von der SPD,
eine „moralische Instanz”
und trotzdem lautet die Bilanz:

Er war ein Bundespräsident,
den heute kaum noch einer kennt.
Das höchste Amt in diesem Staat
war auch für ihn wohl eher fad.
Seine Karriere war vorbei
und es war völlig einerlei,
was er so machte oder sprach,
es wirkt in keiner Weise nach.

Des Köhlers Horst trat erst zurück
und er hat wirklich großes Glück.
Vier Jahre hätt‘ er noch gemusst,
das wurde ihm wohl auch bewusst.
Und statt Joachim ist’s nun Chris,
doch wie egal Herr Wulff uns is
weiß jeder, der den Rap hier kennt
und den Refrain nicht ganz verpennt:

Der neue Bundespräsident,
den sowieso fast keiner kennt,
hat zwar das höchste Amt im Staat,
doch dieses Amt im Staat ist fad.
Seine Karriere ist vorbei
denn es ist völlig einerlei,
was er so macht und was er spricht,
es intressiert uns einfach nicht.
Oskar goes Web 2.0 (August 2010)
My name is Oskar, I'm a dog
and I have something like a blog.
I do this once per year or twice.
Some of the stuff is really nice.

Today I‘ll tell you something new:
I am on Facebook. Are you too?
It is the greatest place to be
(unless you really have to pee).

Too bad I have no friends at all,
and no one writing on my wall.
My photo’s only black and white,
no bitch will chat with me at night.

So come along and be my friend
or do you want it all to end
before it even has begun.
Just poke me and this will be fun.

I‘ll like your links ’bout doggy food,
my comments never will be rude.
But if you‘re posting boring pooh
I’ll wage a Mafia War with you.

This is the news I want to feed
and now my profile is in need
of going public. Wish me luck.
If you don‘t like it? WTF.
Kairos (September 2010)
Es ist schon wirklich sehr vertrackt
mit diesem einen Augenblick:
Wenn man ihn nicht beim Schopfe packt,
dann kommt er niemals mehr zurück.
Frühstück unterm Feigenbaum (Oktober 2010)
Frühstück unterm Feigenbaum,
angenehmer geht es kaum.
Leichter Wind weht durch die Blätter,
bei sehr sonnig-warmem Wetter.
Es gibt Hörnchen, frisches Brot,
Marmelade, gelb und rot.

Butter, Joghurt, lecker Säfte,
Kaffee weckt die Lebenskräfte.
Halbfettmilch und Honig fließen,
was kann diesen Tag vermiesen?
Angenehmer geht es kaum:
Frühstück unterm Feigenbaum.
Feigenbaum_01
Unter diesem Feigenbaum
ist das Frühstück wie ein Traum.
Keine Wolken, nicht mal Spuren,
ideale Temp‘raturen.
Meine Kleidung passt perfekt
(nur mit Feigenblatt bedeckt).

Nichts wird meine Freude hemmen,
ich will unbekümmert schlemmen,
alles einfach nur genießen,
was soll diesen Tag verdrießen?
Welch ein Frühstück, welch ein Traum
unter diesem Feigenbaum.
Feigenbaum_02
Frühstück unterm Feigenbaum
lässt den Träumen freien Raum.
Eine grüne Route klettern
Sonnenstrahlen zwischen Blättern.
Einer trifft mich, ich mach hatsch-
IEEHHH, was ist das für ein Matsch?

Als ich mich nach vorne neige,
spür ich die vergorne Feige.
Sie hat sich, als ich gedöst,
von dem feigen Baum gelöst.
Ich muss duschen, aus der Traum.

Hundsgemeiner Feigenbaum!
Feigenbaum_03
In 140 Zeichen (November 2010)
Twitters hundertvierzig Zeichen
sollen für vier Verse reichen?
Das reicht niemals nicht, mitnichten,
man braucht sehr viel mehr zum Dichten.
Southbound Northern Line (Dezember 2010)
Thanks to Richard W. for his (editorial) input
Ticket booth at Leicester Square:
I must say those fares are fair.
But I'll have to mind the gap
(with or without handicap).

(( announcement on the train ))
„This is southbound Northern line,
service on this line is fine.
Put your toddlers on your lap,
doors are closing, mind the gap.

This train calls at Waterloo
and at Clapham Common too.
Please don't take too long a nap,
get out duly, mind the gap.”

I don't know my way around.
Is this Oval underground?
And where is my metro map,
damn it fell into the gap.

Where's the exit hereabout?
Could it be that green ‘Way Out’?
Let me ask that poor old chap.
Oops, he did not mind the gap.

Getting to the ground above
in this crowd is rather tough.
Somehow this feels like a trap,
even if I mind the gap.
© Axel Horndasch