gedichte des monats, 2011
Januar: Oskar und der Winter
Februar: Alle meine Entchen Reloaded
März: Taumelnde Bayern
April: Körper-GAU
Mai: Wer ich wirklich bin
Juni: Höher, schneller, weiter
Juli: Dirk Nowitzki
August: Apples letzter Schrei
September: Ramadan
Oktober: Zweischneidig
November: Euro-Payer
Dezember: Balance-Akt

Oskar und der Winter (Januar 2011)
Ich heiße Oskar, bin ein Hund
und gehe gern spazieren.
Doch derzeit geh ich selten raus,
ich hasse es zu frieren.

In diesem Winter ist es kalt
wie sonst nur an den Polen.
Dazu verdammt viel Eis und Schnee,
der Teufel soll sie holen.

Ich hab nicht nur die Schnauze voll,
sie war auch eingefroren.
Auf diese Weise ging mir der
Geruchssinn ganz verloren.

Ich dachte mir, da hilft doch Salz,
und hab daran gerochen.
Es half nur kurz, dann ätzte was,
jetzt riech ich nix seit Wochen.

Mein Glück ist, für mein Stammrevier
brauch ich grad keine Nase.
Es ist uringelb abgegrenzt
(mit Harn aus meiner Blase).

Und für die Riesenhaufen an
den vielen Straßenrändern
kann ich nun wirklich kaum etwas
(das wird sich wieder ändern).

Ich bin nur froh, dass ich nicht Rad
und auch nicht Auto fahre.
Weil ich mir manchen Unfall so
von vornherein erspare.

Per pfotes kann ich jederzeit
mich vor die Türe wagen.
Mein Vierbeinantrieb funktioniert
sogar an Glatteistagen.
Alle meine Entchen Reloaded (Februar 2011)
Alle meine Entchen
schwimmen auf dem See,
schwimmen auf dem See,
doch sie finden‘s öde
und gehn auf Tournee.

Alle meine Entchen
schwimmen auf der Lahn,
schwimmen auf der Lahn,
eins ist ziemlich hässlich
und wird auch kein Schwan.

Alle meine Entchen
schwimmen auf dem Rhein,
schwimmen auf dem Rhein,
treiben quer durch Holland
und ins Meer hinein.

Alle meine Entchen
schwimmen übers Meer,
schwimmen übers Meer,
finden’s eher stressig,
viel zu viel Verkehr.

Alle meine Entchen
schwimmen im Kanal,
schwimmen im Kanal,
Ärmel- heißt er vorne,
ihnen ist‘s egal.

Alle meine Entchen
schwimmen auf der Ems,
schwimmen auf der Ems,
eines schwimmt zu hurtig,
langsam Entchen, brems!

Alle meine Entchen
schwimmen durch den Strom,
schwimmen durch den Strom,
der kommt von dem Kraftwerk,
das läuft mit Atom.

Alle meine Entchen
schwimmen auf dem Teich,
schwimmen auf dem Teich,
der ist warm und ganz be-
sonders artenreich.

Alle meine Entchen
schwimmen jetzt zum Lech,
schwimmen jetzt zum Lech,
suchen nach der Donau,
haben aber Pech.

Alle meine Entchen
schwimmen auf dem Inn,
schwimmen auf dem Inn,
der führt sie nun endlich
(rechts) zur Donau hin.

Alle meine Entchen
schwimmen hoch die Naab,
schwimmen hoch die Naab,
finden keine Reime
außer Stefan Raab.

Alle meine Entchen
schwimmen durch den Bach,
schwimmen durch den Bach,
eines ist ein Streber,
denkt an Eisenach.

Alle meine Entchen
schwimmen auf der Spree,
schwimmen auf der Spree,
haben schrecklich Heimweh,
wolln zurück zum See.

Alle meine Entchen
schwimmen auf dem Fluss,
schwimmen auf dem Fluss,
der führt bis nach Peking,
dort ist leider Schluss.
Taumelnde Bayern (März 2011)
(auch ein Minister)
Wer weit sich aus dem Fenster lehnt
und sich nach vielen Titeln sehnt,
der fällt, zerplatzt alsbald die Blase,
auf seine hoch getragne Nase.
Körper-GAU (April 2011)
Die Stirn ist heiß,
noch tropft der Schweiß,
doch Trockenheit
ist nicht mehr weit.

Mir fehlt die Kraft,
mir fehlt der Saft,
ich sinke nieder,
bin geschafft.

Aus meinem Bauch
steigt weißer Rauch,
der blinde Darm
ist viel zu warm.

Entzündung droht
durch Wassernot.
Mein Zustand zeigt,
die Kühlung streikt.

Der Rauch wird mehr,
ich atme schwer,
im Magen stellt
sich etwas quer.

Ich raff mich auf
versuch zu lauf-
en, doch mein Bein
knickt einfach ein.

Ich falle nicht
nur aufs Gesicht
(und spüre, wie
mein Kiefer bricht),

nein, auch im Knie
spür ich gleich, wie
ein Band zerreißt,
das Kreuzband heißt.

Ich denke noch: „Was da passiert,
ob das noch jemand kontrolliert,
ob das noch jemand repariert?”,
als meine Birne explodiert.

Von mir bleibt nur ein Haufen Brei
und eine Riesensauerei.
Wer ich wirklich bin (Mai 2011)
Mein Smartphone wird getracked,
mein Mail-Account gechecked,
mein Netzwerk weiß genau,
auf wen und was ich schau.

Mein Alter ist bekannt
und auch mein Herkunftsland,
die Freunde eingekreist
(was „Freund” auch immer heißt).

Ob Segen oder Fluch,
man weiß auch was ich such
und was ich finden soll
und weiß, ich find es toll.

Ich kaufe online ein
und denk, ich bin allein,
doch nehm ich irgendwas,
sagt jemand: „Nimm auch das.”

Sie haben nur ein Ziel,
sie wollen mein Profil,
den Footprint (digital)
und alles ganz legal.

Vielleicht mal irgendwann
frag ich die Daten an
und schaue mit viel Zeit
auf jedes Megabyte.

Die Datensammlung hat
so doch noch einen Sinn.
Dann weiß ich endlich sel-
ber, wer ich wirklich bin.
Höher, schneller, weiter (Juni 2011)
Was geht ab?
Die Zeit wird knapp.
Wir wollen höher, schneller, weiter
auf der Blitzkarriereleiter.

Was geht ab?
Bleib bloß auf Trab.
Denn bist Du erstmal abgehängt,
merkst Du, es gibt nichts mehr geschenkt.

Schon Babys müssen heute schwimmen,
effizient sein und sich trimmen.
Vorschulkinder können schreiben,
lesen, rechnen, sitzen bleiben.

In der Schule muss man lernen:
Einser zähln nur noch mit Sternen.
Wer bei Pisa sich verhaut,
wird ab sofort schief angeschaut.

Mann, was geht ab?
Mach jetzt nicht schlapp.
Die Räder bleiben niemals stehn,
hier gibt es nichts zurück zu drehn.

Um den Traumjob zu ergreifen
muss man an der Uni reifen.
Danach kriegt man endlich Geld
in der famosen Arbeitswelt.

Mitten in der Blitzkarriere
kommt abrupt die große Leere.
Und kurz später schon betreut
dich dann der Psychotherapeut.

Mensch, was geht ab?
Die Zeit wird knapp.
Wir wollen höher, schneller, weiter
auf der Wirtschaftswachstumsleiter.

Was geht ab?
Es geht bergab.
Wir fahrn mit Vollgas an die Wand,
bald ist das hier kein schöner Land
mehr.

Aktien sollen immer steigen,
Outperform-Performance zeigen.
Was wir dazu wissen müssten.
sagen uns die Analysten.

Es geht höher, weiter, schneller,
und wird unkonventioneller,
so dass wenig später prompt
der Absturz an den Börsen kommt.

Mann, was geht ab?
Das Geld wird knapp.
Die Banken sind nicht mehr liquid
und bringen uns in Misskredit.

Um die Krise zu erdulden
gibt es einfach noch mehr Schulden.
Irgendjemand wird schon zahlen,
nach den nächsten Landtagswahlen.

Bis dahin gibt‘s Subventionen,
Leistung soll sich ja auch lohnen.
Das System ist noch nicht krank,
es gibt ja Geld für jede Bank.

Mann, was geht ab?
Die Zeit wird knapp.
Wir dürfen uns nicht länger schonen,
denn wir brauchen Sensationen.

Was geht ab?
Bleib bloß auf Trab.
Wir gehen (hoch und schnell und) weit
für jede neue Neuigkeit.

Wir sind ganz gierig auf Skandale
oder wenigstens Randale.
Wer ist prominent und schwanger,
wer kommt heute an den Pranger?

Fernsehsender wolln Geschichten,
Dichter brauchen was zu dichten.
Wichtig ist dabei allein:
was zieht der Konsument sich rein.

Mensch, was geht ab!
Die Zeit ist knapp.
Wir müssen schneller weiter klicken,
ohne dabei durchzublicken.

Auch die Zeitung muss was melden
von Versagern oder Helden,
über Attentate, Kriege,
Niederlagen oder Siege.

Es entstehen Volkskrankheiten,
weil die Medien sie verbreiten.
EHEC, H1N1, SARS,
Ich hab mich angesteckt, das war's
wohl.

Was geht ab?
Ich bin so schlapp.
Ich glaub, ich bleibe besser stehn,
vielleicht kann ich dann klarer sehn.
Das geht mir ab.
Das geht uns ab.
Dirk Nowitzki (Juli 2011)
On top of the Iceberg
D irk Nowitzki
I st ein Star,
R annte,
K euchte dieses Jahr

N och im Juni.
O bendrein
W arf er
I n den Korb hinein.
T op in Form
Z um MVP:
K önig Dirk
I n Miami.
Apples letzter Schrei (August 2011)
Kunde: „Wie sieht das Ding denn aus?”
Verkäufer: „Es erntet nur Applaus.”
Kunde: „Was tut das Teil für mich?”
Verkäufer: „Fast alles eigentlich.”
Kunde: „Ich nutze es mobil.”
Verkäufer: „Dann nützt es ihnen viel.”
Kunde: „Und handlich muss es sein.”
Verkäufer: „Das Gadget ist ganz klein.”
Kunde: „Ist diese Sache neu?”
Verkäufer: „Der allerletzte Schrei.”
Kunde: „Verkaufen sie es hier?”
Verkäufer: „Sie kriegen es bei mir.”
Kunde: „Und preislich lieg ich bei...”
Verkäufer: „... 'nem Äppel und 'nem Ei.”
Kunde: „Dann hätte ich es gern.”
Verkäufer: „Ein iScream® für den Herrn.”
Ramadan (September 2011)
Eine Türkeireise in Limericks
Der Tag begann zeitig in Istanbul,
ein Mann saß beim Frühstück im Schaukelstuhl.
Er aß ziemlich schnell,
denn es wurde schon hell
und der Muezzin rief bald in Istanbul.

Ein Teehaus-Chef träumte in Karaköy
von Baklava und dazu leckrem Çay.
Dann wachte er auf
und war ziemlich schlecht drauf,
denn die Sonne stand hoch über Karaköy.

Ein junger Kerl in Safranbolu,
der fragte sich selber: „Mann, wozu
muss ich mich kasteien
und täglich von neuem?”
Er haderte in Safranbolu.

Die Bankkauffrau dachte in Sinop:
„Mein Mann ist so toll, ich find ihn top.
Heut Abend am Weiher
darf er untern Schleier.”
Sie musste noch warten in Sinop.

Da war auch ein Kellner in Ankara,
der hatte ‘ne Menge zu essen da.
Doch tagsüber war-
en die Gäste sehr rar.
Und der Kellner las Zeitung in Ankara.

Ein Fräulein, das schaffte in Iznik
in einem Hotel, schön mit Seeblick.
Nur kam leider fast
wegen Fastens kein Gast.
So gab’s wenig zu schaffen in Iznik.

Als abends ein Muslim in Bursa
zum hundertsten Mal auf die Uhr sah,
da wurde ihm klar,
dass schon Dämmerung war
und er freute sich tierisch in Bursa.

Der Muezzin rief nun in Istanbul:
„Die Sonne geht unter, Mann, is ja cool.
Jetzt können wir essen
und Allah vergessen.”
Der Tag ging zu Ende in Istanbul.
Zweischneidig (Oktober 2011)
Ich trete
auf der Stelle
tret ich auf.

Ich dulde keinen
Spott
nehm ich in Kauf.

Ich habe
gute Texte
fehln mir noch.

Ich krieg nichts
hin
und wieder geht es doch.

Ich leg die Füße
hoch
will ich hinaus.

Ich komme auf
Ideen
gehn mir aus.

Ich helfe nach
mit Bier
komm ich nicht weit.

Ich spür
die Wirkung
braucht wohl noch mehr Zeit.

Ich dichte
plötzlich
bin ich wirklich dicht.

Ich habe einen
sitzen
kann ich nicht.

Der Text ist
fertig
ist ein Text ja nie.

Ich bin
am Ende
wird‘s fast Poesie.
Euro-Payer (November 2011)
Krasse Krise,
massig Miese,
keiner weiß, was nun.
Iren, Griechen,
Spanier siechen,
was soll man da tun?

Auch bei diesen
Portugiesen
kracht es irgendwann.
Laut Prognosen
sind Franzosen
ebenfalls noch dran.

Jetzt stürzt jener
Italiener
Berlusconi. Und
Dissonanzen
bei Finanzen
sind dabei ein Grund.

Deutsche scheinen
noch zu meinen,
dass die Heimat blüht.
Doch Kredite,
Defizite
schlagen aufs Gemüt.

Fraglich firme
Rettungsschirme
werden aufgespannt.
Nacht und Nebel,
Rettungshebel
für das Euroland.

Das System war
lang bequem zwar,
funktioniert hat‘s nicht.
Wir sind Zeugen
und beäugen,
wie’s zusammenbricht.
Balance-Akt (Dezember 2011)
Stell Dir mal vor, du musst jongliern
und darfst die Bälle nicht verliern.
Auf keinen Fall darf so ein Ball
mit lautem Knall zu Boden fall‘n.

Erst sind es drei, dann vier, dann mehr,
du merkst es wird für dich zu schwer.
Doch du gibst alles, was du hast
und kriegst es hin (zumindest fast).

Die Bälle fliegen hin und her,
nicht mehr geordnet, kreuz und quer,
du hättest gerne mehr trainiert,
auch wenn man dadurch Zeit verliert.

Du lernst nun auf die harte Tour.
Wie lang es gut geht, das weiß nur,
wer in die Zukunft schauen kann.
Wir werden sehen (irgendwann).
© Axel Horndasch